„Bamberg war eigentlich in Italien geplant“

Interview mit dem Gestalter Peter Schmidt über Essen, Ausstattung und (Bamberger) Lebensart





 
 
 

Das Foyer der Konzerthalle dient als architektonisches Aushängeschild und einladendes Entree zur Heimstatt der Symphoniker. 2009 wurde es nach den Entwürfen des Gestalters Peter Schmidt erbaut. Foto: Peter Eberts

Peter Schmidts Beziehung zu Bamberg ist eine besondere. Der gebürtige Bayreuther schwärmt für die Musik der Bamberger Symphoniker und für die lebendige Tradition der Stadt. 2003 entwarf er ein neues Logo für die Symphoniker, 2009 wurde die Konzerthalle nach seinen Entwürfen umgebaut. Peter Schmidt ist jemand, der die Prinzipien der Gestaltung meisterhaft beherrscht: als Deutschlands vielleicht renommiertester Verpackungsdesigner, aber auch als Layouter, Innenarchitekt und Bühnenbilder. Wie modelliert er Formen und Inhalte bei der Verpackung, der Ausstattung und für das Kulturleben? Wie können Oberflächen, etwa die Formen eines Tisches oder eines Geschirrs, perfekt gestaltet werden? Welche gesellschaftlichen Phänomene kommen in der Gestaltung zum Ausdruck? Braucht Bamberg einen Slogan, damit sich die Stadt nach außen besser präsentieren kann? Über Möglichkeiten und Grenzen suggestiver Gestaltung sprach ich mit Peter Schmidt in seinem Hamburger Büro im Mittelweg.

Herr Schmidt, Sie haben das Corporate Design für eines der modernsten Restaurants in Berlin entworfen, das Restaurant „VAU“, für das sie auch den Namen kreiert haben. Zudem haben Sie für ein Kochbuch, in dem der Koch Kolja Kleeberg die besten Rezepte das Restaurants präsentiert, das Layout beigesteuert. Hinzu kommen noch die Arbeiten als Bühnenbildner. Das sind äußerst weitgespannte Aufgaben. Sehen Sie diese gestalterische Herausforderung auch als so etwas wie einen Ritterschlag an?

Schmidt: Ein Ritterschlag würde ich nicht sagen, eher ein Befreiungsschlag. Im Jahr 2006 habe ich meine Agentur, die Peter Schmidt Group, an das Agenturnetzwerk BBDO verkauft, weil ich wegen der Verwaltungsaufgaben kaum noch gestalten konnte. Dass ich jetzt so viele Freiheiten bei der Gestaltung habe, liegt allerdings auch an meinem hohen Alter und der Erfahrung. Beim Restaurant VAU zum Beispiel ließ mir der Auftraggeber Josef Viehhauser alle Freiheiten. Ich überlegte mir für den Namen eine schöne, sinnlich klingende Buchstabenkombination. So landete ich bei „VAU“. Mit einem Akzent über dem A bekommt der Name einen Hauch französisch. Es ist ein Kunstwort, aber es funktioniert, da der Klang als Bedeutungsträger dient.

1998 haben Sie ein mehrfach ausgezeichnetes Buch über Essen gestaltet, das den Betrachter nicht animieren, sondern zum Nachdenken anregen soll. „Das apokalyptische Menü“ stellt die bedenklichen Auswirkungen der Nahrungsmittelindustrie dar. Blieb das ein Ausreißer?

Schmidt: Bei meiner Arbeit für viele verschiedene Firmen habe ich immer auch die ökologische Seite der Aufgaben mitbetrachtet, zum Beispiel habe ich bei meiner Arbeit für AEG auch Einfluss darauf gehabt, dass die Maschinen sparsamer arbeiten und nicht nur nach Gesichtspunkten des Marketings verkauft werden. Sehr früh habe ich zum Beispiel auch bei Parfümflakons versucht, dass nicht unnötig viele Materialien zusammengesetzt werden. Die Frage, wie Glas die Umwelt belastet, lässt sich heute klar beantworten. Noch kann aber niemand sagen, was sich Kunststoffe auf die Öko-Bilanz auswirken.

Wurde Ihnen das ökologische Bewusstsein von ihren Eltern eingepflanzt? Sie stammen ja aus einer Gärtnerfamilie.

Schmidt: Ganz sicher, das Bewusstsein hat viel damit zu tun, dass ich zwischen Gemüse aufgewachsen bin. Meine Eltern hatten zunächst eine Blumengärtnerei, die nach dem Krieg zur Gemüsegärtnerei umgewandelt wurde und später wieder zur Blumengärtnerei. Die Nähe zur Natur und dem, was mir meine Eltern über die Natur vermittelt haben, ist sicher der Auslöser gewesen, aber das Bewusstsein hat sich insgesamt verstärkt. Ich bin überzeugt, dass wir eine Essensrevolution erleben werden. Es wird eine Welle geben in Richtung gesunder und sauberer Ernährung mit weniger exzessivem Fleischkonsum. Vielleicht werden alle Menschen italienischer.

Ein Plädoyer für Frische und Natürlichkeit?

Schmidt: Ja, denken Sie an Bamberg und die Umgebung, man kann dort gerade auch auf dem Land so fein essen und so schön sitzen, wie ich es selten in Deutschland erlebe. Die Bamberger Küche hat auch etwas sehr Originelles. Das liegt unter anderem daran, dass Bamberg eine reiche Stadt war, in der die Bischöfe gerne gutes Essen und Trinken gepflegt haben.

Gerade der Katholizismus war ja nicht ausschließlich enthaltsam, sondern auch sehr lebensfroh. Das Aufschieben des Genusses hat dem Genuss weniger geschadet, als vielmehr geholfen. Genießen mit allen Sinnen heißt auch, dass die Augen mitessen. Sie haben sich bei Arzberg Porzellan als Gestalter eines ebenso schönen wie schlichten Geschirrs profiliert. Wie lässt sich bei Tisch Genuss optisch umsetzen?

Schmidt: Ich hatte durch die Logo-Gestaltung für Unternehmen der Porzellanindustrie schon vorher viel mit Porzellan zu tun. Porzellan ist vom Material her zwar etwas völlig anderes als Glas, das ich durch die Gestaltung von Parfüm-Flakons hundertfach verwendet habe, aber mein Stil zeigt sich auch hier. Ich wollte eine einfache Form finden, die trotzdem auffällt. Es gibt so viele runde Teller, die sehr ähnlich aussehen, und dann noch geschwungene Formen. Diese Formen meide ich jedoch, ebenso wie alles Verschnörkelte, weil ich sehr geradlinig denke. Auf diese Weise ist ein Geschirr mit nahezu gerade Linien entstanden.

Ich mag diese Klarheit und Ruhe, die von den Proportionen her etwas Asiatisches hat, aber ganz eigene Raffinessen aufweist. So auch bei der Tischinszenierung. Als mich neulich der Musiker Kent Nagano besuchte, hatte ich vorher lange überlegt, wie ich den Tisch dekoriere. Ich habe bei meinem Urlaub auf Ibiza alle Kräuter gepflückt, die auf meinem Grundstück wachsen, vor allem Rosmarino, und diese dann in etwa 30 kleinen Vasen aufgestellt, und zwar auf einen schwarzen Lacktisch, wo man eigentlich Blumen erwartet. Die Kräuter hatten durch den Regen eine sehr frische grüne Farbe. Das sah toll aus und roch sehr angenehm. Obwohl ich wenig Zeit habe und nicht selbst koche, gebe ich mir große Mühe bei der Dekoration. Das hängt mit meiner Lust an der Inszenierung zusammen, aber auch mit der Freude darüber, dass ich ein Gast empfange.

Wenn Sie Dinge fördern, die man für ein Essen benötigt, fördern sie in gewisser Weise auch die Esskultur. Das funktioniert dann genauso in Restaurants. Welche Dinge spielen bei der Inszenierung hier noch eine Rolle?

Schmidt: Ich achte vor allem auf Geräusche, weil ich als Musikliebhaber da sehr empfindlich bin. Wenn an einem Tisch zu viele aggressive Geräusche entstehen durch zu viele verschiedene Materialien, ist das störend. Deshalb versucht man bei der Herstellung einer Porzellantasse auch den Unterteller sehr genau anzupassen, so dass keine unerwünschten Kratzgeräusche entstehen. Schön ist zudem ein weicher Untergrund. Ich bin sehr für Tischdecken. Noch etwas anderes ist wichtig: das Besteck. Silberbesteck klingt besser als Stahlbesteck. Aus Japan habe ich spezielle Holzblätter als Besteck mitgebracht. Die geben einen wunderbar anderen Klang. Man darf auch nicht zu viele Dinge aneinander stoßen lassen.

Bamberg hat nicht nur feine Adressen, in denen das Ambiente und das Essen stimmen, sondern auch eine außergewöhnlich hohe Dichte an Ästhetik, Geschichte und Kulinarischem. Ist Ihnen das in anderen Städten in ähnlicher Weise begegnet?

Schmidt: Ich kenne keine. Bamberg ist ja aus Versehen in Oberfranken gebaut worden, es war eigentlich in Italien geplant, so wie es sich zeigt. Man empfindet die Stadt als südlich und in dieser Form gibt es das in Deutschland nirgends.

Auch nicht in Regensburg?

Schmidt: Regensburg ist schwerer. Es hat nicht diese Leichtigkeit.

Sollte sich diese Lebensart auch in einem Slogan ausdrücken? Bamberg hat keinen Slogan.

Schmidt: Hamburg hat auch keinen.

In Bamberg wurde darüber diskutiert, ob die Stadt einen braucht, weil umliegende Städte in Franken einen Slogan haben.

Schmidt: Ich würde sagen, einen Slogan braucht Bamberg nun gar nicht. Die Stadt kann die Atmosphäre nach außen vermitteln. Aber den Gesamteindruck mit dieser lebendigen Tradition auf einen Slogan zuzuspitzen, ist nicht möglich. Das schließt schon wieder so viel aus. Über die Zeitung habe ich jetzt erfahren, dass Bamberg eine tolle Basketball-Mannschaft hat. Das wusste ich gar nicht und plötzlich sehe ich die Stadt wieder anders. Diese Nachricht ist wichtiger und lebendiger als ein Slogan.

Text und Interview: Oliver van Essenberg

 

 

Peter Schmidt wurde 1937 in Bayreuth geboren. Nach seinem Studium an der Werkkunstschule in Kassel ging er nach Hamburg und gründete 1972 die Peter Schmidt Studios, die er über 30 Jahre leitete. In dieser Zeit arbeitete er mit einer Vielzahl renommierter Firmen und Marken. Im Jahr 2006 übergab Peter Schmidt seine Agentur vollständig an die BBDO, um sich auf ausgewählte Projekte zu konzentrieren. Jüngst erweiterte sich das Spektrum der gestalterischen Tätigkeit um das Gebiet der Innenarchitektur: So gestaltete Peter Schmidt u.a. das Foyer der Hamburgischen Staatsoper neu. Auch die im September 2009 wiedereröffnete Bamberger Konzerthalle wurde nach seinen Ideen umgebaut.

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