Die Bamberger Kulturlandschaft

Ein Interview mit Peter Braun





 
 
 

Peter Braun, freier Journalist und Autor in Bamberg

Viele Bamberger haben ein gespanntes Verhältnis zum Kulturleben der Stadt. Einerseits sind sich so gut wie alle einig, wie schön das Weltkulturerbe ist und gegenüber Besuchern stolz darauf. Andererseits meiden die meisten Bamberger Orte wie den Domplatz, den Rosengarten, die Obere Brücke etc., die häufig von Touristen besucht werden. Sind Bamberger Gemütlichkeit und Tourismus unvereinbar?

Peter Braun: Gemütlichkeit und Bustourismus gehen nicht zusammen, denn die hat zwischen den Besucherscharen keinen Platz. Dass die Altstadt an Verstopfung leidet, wird sich nie völlig vermeiden lassen, aber es ist allerhöchste Zeit den Breitentourismus zu deckeln. Schon jetzt ist die Kernaltstadt ein Gebiet, in das ich schon lange keine Familie mehr habe ziehen sehen. Artet der Besucherstrom weiter aus, wird die Altstadt zur Tourismus-Fußgängerzone, in der kein vernünftiger Mensch mehr wohnen will. Mit Fußgängerzone und Maxplatz wurde der Fehler schon einmal gemacht. Zudem sprechen grölender Sauftourismus alla „Bierbikes“ oder „Junggesellenabschiede“ nicht dafür, dass die Gemütlichkeit wieder in Bamberg einkehrt. Man darf schon froh sein, dass die Krawall-Gokarts derzeit verschwunden sind. Gottseidank verbieten viele Wirte – um bei dem lästigen Auswuchs zu bleiben – mittlerweile „Junggesellenabschieden“ den Zutritt. Leider nicht alle. Einige scheinen den Kragen eben genausowenig vollzukriegen wie diese verzichtbaren „Gäste“.

Kulturtourismus bedeutet auch, dass nur wenige Besucher sich die Zeit nehmen, die Stadt näher kennenzulernen. Oft werden die wichtigsten Attraktionen kurz abgehakt und das war es. Besteht die Gefahr, dass durch den Tourismus auch das kulturelle Angebot in der Stadt immer seichter wird?

Peter Braun: Bamberg ist zum Glück eine weltoffene Stadt, sie muss nur aufpassen, nicht endgültig zur Seniorenbegegnungsstätte zu werden. Bester derzeitiger Hanswurststreich: die Verlagerung der Haltestellen des Hotelschiff-Bustourismus an die Promenade. Bringt Bamberg rein gar nichts. Außer: weitere Abwertung der Promenade, touristenverstopfte Lange Straße, und die Unmöglichkeit am Rondo einen Kaffee zu trinken. Die Verwaltung hat einmal mehr nach ihrem Motto gehandelt: entscheiden – erschrecken – nachdenken. Das Argument, die Kopfhörergesteuerten kämen als gehobene Einzeltouristen wieder, bezweifle ich, denn, Entschuldigung, dem Anschein nach wird die Hälfte von ihnen nur schwerlich noch die Heimreise erleben. Dumme Frage: Warum nicht von den Schiffen in die Altstadt laufen? Gewöhnliche Antwort: Machen die Amerikaner nicht. Falls das stimmt: Wer sich für Bamberg nicht die geringste Mühe gibt, hat hier nichts verloren. Disneyland ist anderswo. Die Busse steigern nur die CO2-Belastung. „Bamberg – umweltfreundliche Stadt“ erweist sich da ganz schnell als übliches Parteien- und Wahkampfgedöns. Dazu: Wenn der zahlenorientierte Tourismusservice über die aberhunderttausend Bambergbesucher jubelt, so sollte er bedenken, wieviele Einwohner die Stadt hat, und dass Tourismus nicht eben in der Gereuth stattfindet. Die Altstadt steht vor dem Kollaps und der Bamberger einkaufs-, verzehr- und übernachtungsfreie Stundentourismus nutzt mangels Zeit außer hastigen Besichtigungen in der Regel kein einziges Kulturangebot. Insofern hat er auf Seichtigkeiten auch keinen Einfluss. Ob die Angebote gehoben oder flach sind, liegt an den Anbietern.

 

Es gibt in Bamberg zum Teil eine merkwürdige Feindseligkeit gegenüber schwieriger, ‚moderner’ Kunst. Braucht die Stadt mehr Botero, Wortelkamp und Lüpertz – will sagen: Kunst, über die sich manch einer das Maul zerreißt?

Peter Braun: Sie braucht nur Zeit, um sich daran zu gewöhnen. Je mehr hochwertige Kunst desto besser. Ob man sich dagegen einen Gefallen tut, die zum Bistumsjubiläum verteilte Kleinkunst zum Skulpturenweg hochzujubeln, sei dahingestellt. Das verwässert nur die Idee. Außerdem sind die Krakeeler bloß besser zu hören als die, die schweigend genießen. Ich nehme an, mancher von denen, die Boteros „Liegende“ nicht zärtlich sondern abfällig Blunsn nennt, macht im eigenen Schlafzimmer lieber nicht die Augen auf. Für mich bedauerlicher als das Geschnatter war dagegen das blanke Ausstaffieren der Altstadt während der eigentlichen Großplastik-Ausstellungen. Eine nötige Beziehung zwischen den Plastiken und ihren Umgebungen wurde nur selten hergestellt. Sie standen meist in den immer gleichen Arealen, also willkürlich. Aber Luginbühl etwa in der Gereuth oder Avramidis in der Gartenstadt – das hätte ich spannend gefunden. Schließlich ist Bamberg mehr als nur Altstadt. Wenn’s paßt: Warum soll immer nur ein Stadtbezirk profitieren? Mitoraj-Schauen in der Wunderburg und dann a Keesmann oder „a U“ – das nenn ich Kunstgenuss. Ich habe dagegen den Verdacht, dass es den Ausstellungsmachern häufig mehr darum zu tun war, sich mit den Plastiken in „schöner“ Umgebung zu präsentieren, denn die Kunst in den Vordergrund zu stellen.

 

Eine häufig geäußerte Kritik, unter anderem auch von Ihnen, lautet, dass die Stadt die Jugendkultur vernachlässigt hat. Inwiefern ist hier das Rathaus gefordert?

Peter Braun: Nicht „Jugendkultur“ und „Junge Kunst“ verwechseln. Jugendkultur braucht keine Rathausförderung. Im Gegenteil. Die Jugend sucht sich ihre Kultur selbst. Politik stört da nur. Junger Kunst dagegen täte mehr Förderung sicher gut. Ob der Bamberger „Kultur- und Schulservice“, Poetryslams oder das jährliche studentische Kunstfestival im Dominikanerbau – wir haben bereits Boden gutgemacht. Dennoch kann es nicht schaden, einen Teil der Gelder für satte Vereine umzulenken, denn nichts ist langweiliger als frühvergreiste Sekt-und-Orangensaft-Veranstaltungen. Und um nicht nur von Geld zu reden: Das Rathaus darf ruhig noch offener sein, was die Unterstützung von Initiativen junger Künstler betrifft. Die Gleichsetzung von junger Kunst und Lärm etwa hat sich schließlich meistenteils als Unfug herausgestellt. Als ob Eventhampeleien wie merkwürdige Schrannen-Schinkenfeste oder als Weihnachtsmarkt getarnte Oldie-Rockkonzerte besser wären. Aber nur nach der Stadt zu rufen, halte ich für verkehrt. Nehmen Sie „Canalissimo“: Ursprünglich als Kulturfest auch für junge Kunst gedacht, ist es unterdessen ein Pizza-Bratwurst-Einerlei.

Wo gibt es Ansätze, das manchmal recht verschlafene Bamberger Kulturleben zu erneuern? 

Peter Braun: Verschlafen? Glaub ich nicht. Und weiterentwickeln wäre mir lieber als erneuern. Was Bamberg dafür fehlt, ist eine selbstgestellte Zielvorgabe. „Bamberg – Stadt der Romantik“ wäre mein Favorit, um dem Kind auch einen Namen zu geben. Romantik meint schließlich nicht nur Händchenhalten. Romantische Literatur, romantische Musik – der Gedanke ließe sich endlos fortspinnen. In Bamberg wurde die Romantik mit Wackenroder und Tieck schließlich „erfunden“, für die der katholische Glaube so wichtig war wie das Mittelalter. Alles Stichworte, für die Bamberg sowieso schon steht. E.T.A. Hoffmann nicht zu vergessen. Aber auch hier gilt: in die Höhe streben ist besser als in die Breite gehen, denn weder die Masse von Veranstaltungen, die Bamberg bietet, noch die Massenveranstaltungen werden das erreichen. Was Bamberg braucht, ist deutlich mehr Spitzenqualität. Sich dabei nur auf die Symphoniker zu verlassen, ist viel zu dünn. Was die Stadt dringlich lernen muss, ist Kunst und Kultur als zukunftssichernden Standortfaktor zu begreifen. Wir werden künftig noch bedauern, den Wirtschaftsfaktor Kultur solange vernachlässigt zu haben. Allein schon das Beispiel Weimar zeigt, wie mit Kultur Geld zu machen ist. Eines jedenfalls ist sicher: Aus Bamberg wird keine Boom-Industriestadt mehr werden, eine Kulturstadt vielleicht schon. Aber dazu braucht es den Mut, die Stagnation der letzten Jahrzehnte zu überwinden.

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