„Die Kunst ist es, die guten Filme zu überleben“

Interview mit Gerrit Zachrich, Betreiber der Programmkinos „Lichtspiel und „Odeon“





 
 
 

Das zweite Jahrzehnt ist voll: Volker Traumann (links), Vorsitzender des Vereins Bamberger Kurzfilmtage, und Kino-Betreiber Gerrit Zachrich beim Jubiläum der Kurzfilmtage anno 2009.

Die Bamberger Kurzfilmtage und die beiden Programmkinos „Lichtspiel“ und „Odeon“ sind Bambergs Aushängeschilder für ansprechendes Kino abseits der großen Kassenschlager. Ein Gespräch mit Gerrit Zachrich über markante Entwicklungen hinter den Kulissen.

Du warst 1991 bei der Premiere der Bamberger Kurzfilmtage dabei. Kannst du dich noch daran erinnern, wie das Festival damals aus der Taufe gehoben wurde?

Gerrit Zachrich: Es gab damals den Filmclub „8 ½“, der immer Filmreihen gezeigt hat mit Werken von Godard, von Regisseuren der Nouvelle Vague und des italienischen Neorealismus. Freunde aus der Uni und ich wollten Filme sehen, die uns gerade interessieren, die neu, aber auch alt sein konnten, aber in kein Reihenkonzept passten. Da der Filmclub daran nicht interessiert war, haben wir unseren eigenen Filmclub aufgemacht, den „Filmriss“. Das war eigentlich so die Keimzelle. Es dauerte nicht lange, bis sich die Organisatoren der Filmclubs, d.h. vor allem Dirk Werner und ich, uns angenähert haben, um ein gemeinsames Programm auf die Beine zu stellen. Wir haben überlegt, was es in Bambergs Kinos noch nicht gibt. Das waren Kurzfilme. Also haben wir gesagt, machen wir Kurzfilmtage.

Waren es früher vor allem Studierende, die ins Lichtspiel gingen, so sind viele Besucher heute, 20 Jahre älter, mitten im Berufsleben. Die Jugendlichen und jungen Erwachsenen gehen eher ins Cinestar. Interessanterweise haben sich damit die Verhältnisse fast umgedreht.

Gerrit Zachrich: Kollegen aus anderen Städten geht es nicht anders. Das beruhigt mich an der Entwicklung. Natürlich fragt man sich am Anfang: Warum ändert sich mein Publikum? Wo sind die Studenten? Warum gehen junge Leute ins Cinestar? Dann aber merkt man, dass das ein genereller Freizeittrend ist. Allen Betreibern von Programmkinos geht es inzwischen so und sie sind eigentlich ganz glücklich damit. Sie haben einen Teil des jungen Publikums, vor allem Schüler und Nicht-Studenten, an das Multiplex verloren. Dafür geht ein reiferes Publikum ins Kino, das mit ihnen alt geworden ist, teilweise aber auch ein neues Publikum, Leute ab 50 aufwärts, die wieder das Kino für sich entdecken. Prägend für das Programmkino ist selbst in Großstädten ein Publikum im Alter zwischen 40 und 70. Dabei kann sich diese Entwicklung in ein paar Jahren schon wieder ändern.

In einem Interview mit der „Fränkischen Nacht“ hast du einmal gesagt: „Die Kunst ist es, die guten Filme zu überleben.“ Siehst du das immer noch so?

Gerrit Zachrich: Ja, natürlich. Ein Kollege hat mir mal gesagt: Ein gutes Jahresprogramm kriegt jeder hin. Aber die Kunst ist es, das Level zu halten und damit zu überleben. Das Schwierige ist, dass man immer nur so gut sein kann wie sein Publikum. Deswegen denke ich mir schon manchmal, wenn ich wenigstens in einer größeren Stadt mit mehr Studenten wäre, hätte ich es schon leichter.

Das Publikum schränkt die Auswahl sicher ein. Dagegen könnte man allerdings auch sagen, dass das Angebot überhaupt erst eine gewisse Einstellung produziert.

Gerrit Zachrich: Letztendlich will ich natürlich auch mein Publikum mitziehen. Ich denke mir schon, wenn ich etwas lange genug mache, dass dann Leute sagen: Okay, jetzt gehe ich doch mal in einen Kurzfilm rein oder in eine Fremdsprachenfassung. Was mir wichtig ist, das ist die Vielfalt. Das gilt auch für meine persönlichen Vorlieben. Ich kann mir Filme aus dem klassischen Bereich wie „Wilde Erdbeeren“ von Ingmar Bergman oder „8 ½“ von Fellini anschauen und toll finden, aber mich faszinieren auch ganz andere Filme, sei es „In the mood for love“ von Wong Kar-Wai oder, aus den letzten Monaten, „No country for old men“, „Schmetterlinge und Taucherglocke“, „Persepolis“ oder aktuell „Das weiße Band“.

Ich habe den Eindruck, dass das Filmgeschäft in den letzten 10 bis 20 Jahren wesentlich lebendiger und vielfältiger geworden ist. Film war ja lange Zeit ein sehr teures und eher schwerfälliges Medium. Durch neue Produktionstechniken ist es einfacher und günstiger geworden, Filme zu machen. Hat sich die Situation für kreative Filme, abseits der Hollywood-Schiene, und auch für Kurzfilme insgesamt verbessert?

Gerrit Zachrich: Ein bisschen schon. Es ist aber immer noch so, dass die meisten Besucher mit dem Bedürfnis nach Unterhaltung ins Kino kommen, auch zu den Kurzfilmtagen. Deshalb gehen die meisten auch in die Best-of-Rolle, weil sie meinen, dass sie da die unterhaltsamsten Filme sehen können. Auch herausragende experimentelle Filme, z.B. von Jan Svankmajer, wollen nur wenige sehen. Ich würde gerne im Programmkino mehr in der Art zeigen, wenn die Leute von sich aus ein bisschen neugieriger wären. Leider stößt man da immer wieder an Grenzen. Es wäre toll, wenn das Kino eine Art kostenloses Museum wäre, wo es Räume gibt mit zig Bildschirmen, wo man nach Belieben auswählen kann. Eine Vielfalt, die den Gast nicht dazu verpflichtet, Geld und Zeit herzugeben. In der jetzigen Form ist Kino sehr altertümlich. Die Gäste müssen in etwas reingehen, zahlen und sich zwei Stunden Zeit nehmen, ohne zu wissen, ob es etwas bringt. Das dämmt auch beim Publikum die Risikofreude. Abgesehen davon ist Filmemachen immer noch relativ teuer und schwerfällig. Literatur und auch Musik haben es da leichter.


Du hast nebenbei, zusammen mit einem Partner, den Morph Club wiederauferstehen lassen. Läuft das in die gewünschte Richtung?


Gerrit Zachrich: Mhhm... na ja. Wir sind gerade leider dabei, uns wieder zu trennen, weil ich mir den Morph Club gerne ein bisschen extravaganter und auch da risikofreudiger gewünscht habe. Das hat schon bei der Einrichtung angefangen, dass ich da ständig rumgenörgelt habe.


Angenommen ein Investor würde dir ausreichend Geld geben für ein Kulturprojekt. Was würdest du damit in Bamberg machen?

Gerrit Zachrich: Ich bin ein bisschen geprägt von der Idee eines Kulturzentrums. Als damals der Fischerhof aufgehört hat, habe ich mich mit Gleichgesinnten zusammengetan, um ein Konzept für das Lui-Kino in der Luitpoldstraße auszuarbeiten. Es sollte ein Kulturzentrum entstehen mit einem Kino, einen Theaterraum, einem Multifunktions-Raum, wo alles möglich stattfinden sollte, auch Konzerte, und im Keller noch eine Diskothek und im Erdgeschoss ein Cafe-Bereich. Die Stadt fand die Idee toll, konnte sie finanziell aber nicht unterstützen und uns bei der Suche nach einem Investor nicht weiterhelfen. Leider wurde das Haus dann aufgekauft und anderweitig genutzt. Daher gibt es in Bamberg nach wie vor viele verstreute Orte, sei es der Jazzkeller, Chapeau Claque oder Sonstiges, wo Leute grenzgängerisch etwas ausprobieren und sich selbst ausbeuten, aber nichts, was unter einem gemeinsamen Dach stattfindet. Das hat sicher auch Charme, aber ich hätte nichts dagegen, wenn die Vielfalt populärer Kultur in allen Bereichen noch stärker Fuß fassen könnte.

Interview: Oliver van Essenberg

 

Gerrit Zachrich wurde 1962 in Stuttgart geboren. Nach seiner Ausbildung zum Buchhändler absolvierte er ab 1988 ein Studium der Theater- und Filmwissenschaft in Erlangen sowie der Kommunikationswissenschaft in Bamberg. Er ist Mitbegründer der Bamberger Kurzfilmtage. Seit 1995 betreibt er das Programmkino „Lichtspiel“. 2002 kam das „Odeon“ dazu.



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